· 

Unheilbar: das Korso-Fieber!

Es ist ganz ähnlich wie Herpes, Du bringst es nie mehr los,

 

das Korso-Fieber.

 

Jährlich steigt es wieder, unter fast allen Einwohnern in meiner Heimatstadt Vollenhove (NL). Und auch ich bin immer noch infiziert, obwohl ich schon seit 1983 nicht mehr dort lebe. 

Ga hier naar de Nederlandse versie van deze Blog-Post:


Das Korso-Fieber ist nur viel besser als Herpes, denn es gibt keine körperliche Beschwerden - mal abgesehen von den Nebenwirkungen Übermüdung und einen Kater - aber es ist nicht so leicht zu beschreiben: 

Es ist so ein Prickeln im ganzen Körper. Eine Energie die im Monat August im ganzen Ort spürbar ist, zumindest unter uns Vollenhovenaren. Ein unaufhaltsamer Drive, etwas beitragen zu wollen an unser Blumenkorso. 

 

Seit ich denken kann zieht am letzten Samstag im August ein festlicher Umzug mit Wägen, verziert mit Millionen Dahlienblüten durch das malerische Innenstädtchen. Wirklich Millionen! 

 

Das Corso Vollenhove.

Fantastisch - unser Blumenkorso

Zwölf Wägen werden gebaut. Jede Wagenbauergruppe darf ein beliebiges Thema wählen. In 2018 zum Beispiel

  • "Roadhogs" - eine Fantasie-Geschichte nach dem letzten Mad-Max-Film "Fury Road"
  • "Alert" - spricht für sich 
  • "Kappen" - das ist ein Wortspiel.
    Das holländische Wort kann "aufhören" oder "Bäume fällen" bedeuten. 
    Die Botschaft hier: "hört auf, sinnlos Bäume zu fällen." 

Alle Fotos in diesem Artikel von Marieke Tromp. Vielen Dank!

Es braucht unglaublich viel Fantasie die Idee möglichst ausdrucksvoll und detailliert umzusetzen.

Hauptsächlich werden Dahlien verarbeitet, in verschiedenen Sorten und unzähligen Farben. Für feinere Bilder werden auch Säte und Kerne verarbeitet.  

Klicke auf das Foto für mehr Masken...
Klicke auf das Foto für mehr Masken...

Oft wird die Idee zum Leben gebracht durch Figuranten in origineller Kleidung und mit professioneller Maske. 

 

Aber bis es so weit ist,  ist viel zu tun. 

Die Idee wird Anfang des Jahres verabschiedet und in einer Maquette dargestellt. Nach der Planungsphase wird ab April in Hallen oder Scheunen mit dem Bau begonnen: das Gerüst für die Form wir aus Stahl und Draht geschweißt und auf dem Gestell eines LKWs montiert. Drum rum kommt Maschendrahtzaun und dadrauf kommt Schaumstoff. Das Fahrwerk wird komplett integriert. Wochenlang werden Kostüme genäht, Choreografien einstudiert und Dahlienfelder gehegt und gepflegt. 

 

Und an den letzten 1 - 2 Tagen und Nächten vor dem Korso rast das Korso-Fieber durch die Adern aller "Vollenhovenaren": die frische Blumen werden nach einem bestimmten Farbschema mit kleinen Nägeln auf dem Schaum gestochen. 

 

Korso-Fieber-Höchststand ist am Samstagvormittag: Wagenteile werden in waghalsigen Hebebühnen-Manöver im Freien zusammengesetzt, letzte Blumen gestochen und die Technik geprüft. Um 14 h geht es los, bedingungslos. 

 

Das Ergebnis? Fantastisch - im wahrsten Sinne des Wortes!

Projektmanagement - von der Pieke auf

So ein kreatives Wunder ist in Wirklichkeit ein perfekt durchorganisiertes Projektmanagement. Das Zusammenspiel von Zeit & Geld. 

 

Und jetzt kommt's: Jeder der mitmacht macht das freiwillig und unentgeltlich!

 

Jede Wagenbaugruppe hat eine vereinsähnliche Struktur, häufig entstanden aus einer Clique Jugendlichen. Die Gruppe bei der ich früher war heißt nicht nur "de Vereniging" sondern ist inzwischen auch ein eingetragener Verein mit ca. 60  Mitgliedern (wovon mehr als die Hälfte in zweiter Generation) und vielen Spendern und Sponsoren. Wer sich entscheidet Mitglied zu werden, bezahlt einen Jahresbeitrag von ca. € 200.

 

Einstiegsqualifikation?

Gar keine harten!

Aber nur eine weiche: die Verpflichtung, in seiner Freizeit mitzuhelfen, den Wagen zu bauen.

Zu Neu-Deutsch: Commitment.

 

Die Hierarchie ist flach. Es gibt einen Vorstand und einen Schatzmeister. Die älteren Mitglieder bringen sich als Mentoren ein um der nächsten Generation dieses Wagenbau-Gen zu vererben. Es gibt weder eine theoretische Ausbildung, noch irgendwelche Handbücher, worin das Know-How festgehalten ist.

 

Für jedes Talent ist etwas dabei! 

Mitglieder werden gefragt, was sie gerne tun möchten: Technik, Planung, Mitgliederbetreuung, Budget, Marketing, Kreativ-Abteilung, Kostüme, Maske, Catering, operative Organisation usw. Wer seine Talente noch nicht entdeckt hat, kann etwas neues ausprobieren und so jedes Jahr seine Komfortzone vergrößern. Selbst für scheinbar komplett talentfreie Leute gibt es Jobs mit meditativem Charakter, z.B. Lochbretter stanzen, Sandsäckchen auffüllen als Gegengewicht für bewegliche Teile oder Seile ausfransen für Perücken. Übrigens: alles beliebte Jobs für die Beziehungspflege. Und das wirkt sich aus auf die Zusammenhörigkeit! 

 

Nur am Schluss, dann müssen alle helfen beim Blumen stechen. 

Und nicht nur alle Mitglieder, sondern die ganze Verwandtschaft mit Kind und Kegel darf mitkommen, auch Freunde, Bekannte und Kollegen. Inzwischen kommen sogar Touristen nicht nur um das berühmte Korso anzuschauen sondern auch um mitzuhelfen. 

Motivation = Produktivität
Motivation = Produktivität

So kann es gut sein, dass am Freitagabend vor dem großen Tag bis zu 300 Helfer in einer der 12 Wagenbauhallen sitzen die Blumen stechen oder irgendwie helfen "den Wagen zu bauen". Als Freizeitvergnügen. 

 

Damit das auch wirklich ein Vergnügen ist, gibt es Kaffee mit Honigkuchen, später Fritten mit Mayo und Bitterballen. Also - echte holländische Spezialitäten ;-)

 

Wenn das Ende in Sicht ist gibt es auch Bier. Den ganzen Abend werden holländische Party-Hits gesungen, mit den Tischnachbarn über Gott und die Welt geredet und vor allem viel gelacht.

 

Alles während der "Arbeit". Hier darf man das. 

 

Klicke auf das Bild um zu sehen wie Party & Arbeiten zusammen gehen.

Regelmäßig bringen meine Freunde von früher und ich uns wieder komplett auf dem Laufenden und fühlen uns wieder verbunden. Vor zwei Jahren sass ich neben meiner Jugendliebe Henri. Wir hatten uns Jahre nicht mehr gesehen. Während wir eine Blume nach der anderen "stochen" schwelgten wir in Erinnerungen. Unter uns: es funkelte immer noch ein bisschen... 

Die maximale Kombination aus Zusammenarbeiten, Gemütlichkeit und Zusammengehörigkeit. 

 

Je nach Anzahl der Blumen (bis zu 400.000 pro Wagen!) und Organisation, dauert das mal bis Mitternacht, mal bis 4 h in der Früh und manchmal werden sogar erst am Samstag vormittag um 12 h noch die letzten Blumen gestochen. 

 

Denn für den Endpunkt gibt es keine Alternative. Am Samstag um 14 h muss alles fertig sein. Dann beginnt das Korso. Zweimal zieht das Spektakel durch die Strassen vor ca. 30.000 Besucher. Und abends um 20.30 h noch zweimal, natürlich mit Beleuchtung.

 

Aus meiner Sicht ist es die beste Schule für Projektmanagement, Teamwork, Motivation und Persönlichkeitsentwicklung. Hier lernt jeder Verantwortung zu übernehmen, zuverlässig & loyal zu sein.

 

Da kann sich so manches Unternehmen eine Scheibe abschneiden!

Motivation = Produktivität

In den letzten Jahren habe ich mich immer wieder gefragt:

 

"Warum machen die Menschen in Vollenhove das?" 

  • Für das Geld?

Nein!

Jede Wagenbaugruppe ist eigentlich ein kleines Unternehmen. Der ganze Spaß, so einen Wagen zu bauen kostet zwischen € 10.000 und  € 30.000. Das wird finanziert aus den Mitgliedsbeiträgen, aus Spenden und Sponsorengeldern und aus Start- und Preisgeldern.

 

Die Mitglieder und alle Helfer bekommen kein Geld für ihre Arbeit. Ganz im Gegenteil, sie müssen sogar einen Beitrag bezahlen um mitmachen zu dürfen. So mancher nimmt sich Urlaub um einen Wagen zu bauen! 

 

Es ist wirklich reine Passion!

  • Um zu gewinnen?

Zum Teil, aber auch nicht zwingend!

Unter zwölf Wägen werden zwölf Preise verteilt. Professionelle Juroren beurteilen die Wägen nach drei Kriterien: Idee, Umsetzung und Detailtreue. Manche Gruppen gehen für den ersten Preis, andere machen mit, um mit zu machen. Je höher die Punktezahl, desto mehr Geld. Interessant ist, dass kaum über das Preisgeld diskutiert wird, eher über die erreichte Punktezahl um daraus für das nächste Jahr zu lernen. 

 

Aber egal welcher Preis: nach dem Korso feiern alle stolz wie Oskar und sind überglücklich. Am Sonntag danach feiern alle Wagenbauer gemeinsam bis sich die Decke vom Zelt hebt. 

 

Was motiviert uns Vollenhovenaren für diesen Wahnsinn?

  • der Spaß
  • das Spiel, sich vergleichen zu können
  • die Möglichkeit, sich selbst zu entwickeln
  • das Gefühl, etwas Wertvolles beizutragen und 
  • Teil einer Gemeinschaft zu sein
  • das Gefühl, gemeinsam etwas zu schaffen, was einer alleine nie erreichen kann
  • und natürlich: die Party!

Dopamin pur! Es macht stolz und glücklich. Und treibt an nächstes Jahr wieder weiter zu machen. Schon seit Generationen...

 

Ist das kein wunderbares Role-Modell für Unternehmen?

Die Erbschaft meines Vaters

Seit 35 Jahren reise ich immer Ende August nach Vollenhove. 

Dieses Jahr rief mein Bruder mich 6 Wochen vorher an um zu fragen, ob wir mithelfen Blumen zu stechen. Sie bauen dieses Jahr so unglaublich groß und benötigen jede helfende Hand.  Ich spürte sofort, wie das Korso-Fieber in mir anstieg: Ich habe sofort meinen Mann überzeugt und unsere Gastgeber und ein ehemaliger Kollege... 

 

Und das obwohl ich seit Jahren kein aktives Mitglied mehr bin und kaum noch helfe beim Wagenbauen. Vielmehr unterstütze ich im "Klub von 50" meinen Verein inaktiv. Die meisten der 70 Mitglieder dieses Klubs sind nicht nur über 50 ;-), sie zahlen auch einen Mitgliedsbeitrag von € 50 pro Jahr. 

So gehöre ich immer noch ein bisschen dazu...

Und das merkte ich als ich dieses Jahr am Abend nach dem Korso erfuhr dass "WIR" den 2. Preis gewonnen hatten. Ich bekam Gänsehaut. 

 

Seit ein paar Jahren engagieren meine Schwester und ich uns ehrenamtlich für den Veranstalter. Wir verkaufen Tickets an der Kasse. Je mehr Tickets wir verkaufen, desto höher sind die Preisgelder ;-) Das macht Spaß und gibt ein gutes Gefühl. Wir haben den Job von unserem Vater übernommen. 

 

Wir bringen es nicht los, dieses Korso-Fieber...

Und ich will es auch gar nicht missen!

Klicke auf das Foto um das Gänsehaut Video zu sehen

Alle Fotos in diesem Artikel von Marieke Tromp. Vielen Dank!

Kommentar schreiben

Kommentare: 7
  • #1

    Geke Ernst (Donnerstag, 18 Oktober 2018 14:07)

    Geweldig Edith !! Zo is t en niet anders. Recht uit t hart en het woord aan gelogen

  • #2

    Geke Ernst (Donnerstag, 18 Oktober 2018 14:08)

    GEEN woord aan gelogen natuurlijk..

  • #3

    Bennie Holweg (Donnerstag, 18 Oktober 2018 18:59)

    Heerlijk stukkie Edith, Gr.

  • #4

    Roel Smit (Donnerstag, 18 Oktober 2018 21:20)

    Zelden zo mooi verwoord Edith !

  • #5

    Siemen Vis (Freitag, 19 Oktober 2018 08:15)

    Heel goed verwoord Edith. Gebruik je dit ook voor je workshops?

  • #6

    Jan Kwakman (Freitag, 19 Oktober 2018 11:19)

    Je hebt een geweldige promo weer gegeven van “ ons “ Venose corso.

  • #7

    Wolter Vis (Freitag, 19 Oktober 2018 11:22)

    Leuk en mooi verhaal over het Corso met de Vereniging.